Arbeitszeugnis: Inhalt und Formulierungen verstehen
Das Arbeitszeugnis ist mehr als ein Stück Papier – es ist eine Visitenkarte für den nächsten Job. Aber was bedeuten die Formulierungen wirklich? Und worauf müssen Sie achten?
Das Wichtigste in Kürze
- Jeder Arbeitnehmer hat Anspruch auf ein Arbeitszeugnis
- Zeugnisse müssen wohlwollend und wahrheitsgemäß sein
- Es gibt eine „Geheimsprache" mit verschlüsselten Bewertungen
- „Stets zu unserer vollsten Zufriedenheit" = Note 1
- Bei Mängeln: Korrektur verlangen
Arten von Arbeitszeugnissen
Einfaches Zeugnis
Enthält:
- Art der Beschäftigung
- Dauer der Beschäftigung
Enthält nicht:
- Leistungsbewertung
- Verhaltensbeurteilung
Wann:
- Auf Wunsch des Arbeitnehmers
- Bei sehr kurzer Beschäftigung
Qualifiziertes Zeugnis
Enthält zusätzlich:
- Leistungsbewertung
- Verhaltensbeurteilung
- Führung und Sozialverhalten
Standard: Das qualifizierte Zeugnis ist der Normalfall.
Zwischenzeugnis
Wann:
- Während des laufenden Arbeitsverhältnisses
- Bei Vorgesetztenwechsel
- Bei Versetzung
- Auf Wunsch
Anspruch: Bei berechtigtem Interesse.
Aufbau eines Arbeitszeugnisses
1. Überschrift und Einleitung
Typisch:
Arbeitszeugnis
Herr/Frau [Name], geboren am [Datum], war vom [Datum] bis zum
[Datum] in unserem Unternehmen als [Position] beschäftigt.
2. Unternehmensbeschreibung
Kurze Info zum Arbeitgeber:
- Branche
- Größe
- Tätigkeit
3. Tätigkeitsbeschreibung
Aufgaben des Arbeitnehmers:
- Hauptaufgaben
- Verantwortungsbereiche
- Projekte
4. Leistungsbeurteilung
Bewertung der Arbeitsleistung:
- Fachwissen
- Arbeitsweise
- Arbeitserfolge
- Zusammenfassung
5. Verhaltensbeurteilung
Soziales Verhalten:
- Gegenüber Vorgesetzten
- Gegenüber Kollegen
- Gegenüber Kunden
6. Beendigungsformel
Grund des Ausscheidens:
- Auf eigenen Wunsch
- Betriebsbedingt
- Im gegenseitigen Einvernehmen
7. Schlussformel
Dank und Wünsche:
- Bedauern über Ausscheiden
- Dank für die Zusammenarbeit
- Zukunftswünsche
Hinweis
Die Schlussformel ist freiwillig – aber ein Fehlen wird oft negativ interpretiert. Achten Sie darauf, dass Dank und gute Wünsche enthalten sind.
Die Zeugnissprache
Das Notensystem
Typische Leistungsbewertung:
| Formulierung | Schulnote |
|---|---|
| stets zu unserer vollsten Zufriedenheit | 1 |
| stets zu unserer vollen Zufriedenheit | 2 |
| zu unserer vollen Zufriedenheit | 3 |
| zu unserer Zufriedenheit | 4 |
| im Großen und Ganzen zu unserer Zufriedenheit | 5 |
| hat sich bemüht | 6 |
Verstärker und Abschwächer
Positiv (verstärkend):
- stets
- immer
- jederzeit
- besonders
- außerordentlich
Negativ (abschwächend):
- im Wesentlichen
- im Großen und Ganzen
- grundsätzlich
- in der Regel
Reihenfolge beachten
Bei Verhaltensbeurteilung: Richtige Reihenfolge: Vorgesetzte → Kollegen → Kunden
Wenn Vorgesetzte fehlen: Könnte auf Probleme mit Vorgesetzten hindeuten.
Typische Formulierungen
Leistungsbeurteilung
Sehr gut: „Herr/Frau X erledigte alle Aufgaben stets zu unserer vollsten Zufriedenheit."
Gut: „Herr/Frau X erledigte alle Aufgaben stets zu unserer vollen Zufriedenheit."
Befriedigend: „Herr/Frau X erledigte alle Aufgaben zu unserer vollen Zufriedenheit."
Ausreichend: „Herr/Frau X erledigte alle Aufgaben zu unserer Zufriedenheit."
Verhaltensbeurteilung
Sehr gut: „Das Verhalten gegenüber Vorgesetzten, Kollegen und Kunden war stets vorbildlich."
Gut: „Das Verhalten gegenüber Vorgesetzten, Kollegen und Kunden war vorbildlich."
Befriedigend: „Das Verhalten gegenüber Vorgesetzten, Kollegen und Kunden war einwandfrei."
Schlussformel
Sehr gut: „Wir bedauern sein/ihr Ausscheiden sehr und danken für die stets sehr gute Zusammenarbeit. Für die Zukunft wünschen wir alles Gute und weiterhin viel Erfolg."
Gut: „Wir bedauern sein/ihr Ausscheiden und danken für die gute Zusammenarbeit. Für die Zukunft wünschen wir alles Gute und viel Erfolg."
Ohne Schlussformel: Warnsignal – fehlende Wertschätzung.
Geheimcodes erkennen
Negative Verschlüsselungen
| Formulierung | Bedeutung |
|---|---|
| „war stets bemüht" | Hat es nicht geschafft |
| „zeigte Verständnis" | Konnte es nicht umsetzen |
| „war beliebt bei Kollegen" | Aber nicht bei Vorgesetzten |
| „arbeitete gewissenhaft" | Aber langsam |
| „war pünktlich" | Sonst nichts Positives |
Auslassungen
Wenn etwas fehlt:
- Keine Erwähnung von Führung → Führungsschwäche
- Kein Kundenkontakt erwähnt → Probleme mit Kunden
- Keine Projekte genannt → Keine besonderen Leistungen
Passivformulierungen
Aktiv (positiv): „Herr X führte das Team erfolgreich."
Passiv (kritisch): „Das Team wurde von Herrn X geführt." → Distanzierung, weniger Zurechnung des Erfolgs.
Tipp
Lesen Sie Ihr Zeugnis kritisch. Vergleichen Sie mit Beispielzeugnissen. Im Zweifel: Anwalt oder Gewerkschaft fragen.
Rechte und Pflichten
Anspruch auf Zeugnis
Gesetzlich:
- § 630 BGB (Dienstvertrag)
- § 109 GewO (Arbeitnehmer)
Wann:
- Bei Beendigung des Arbeitsverhältnisses
- Auf Verlangen auch während (Zwischenzeugnis)
Wohlwollenspflicht
Arbeitgeber muss:
- Wohlwollend formulieren
- Berufliches Fortkommen nicht behindern
Aber auch:
- Wahrheitsgemäß bleiben
- Keine falschen Tatsachen
Berichtigungsanspruch
Wenn Zeugnis falsch:
- Korrektur verlangen
- Schriftlich begründen
- Frist setzen (2-3 Wochen)
- Notfalls klagen
Verjährung
Zeugnisanspruch:
- Grundsätzlich 3 Jahre
- Aber: Verwirkung möglich
- Besser zeitnah verlangen
Zeugnis prüfen
Checkliste
Formales: ☐ Firmenbogen/professionelles Papier ☐ Datum des Ausscheidens ☐ Korrekte persönliche Daten ☐ Unterschrift (nicht eingescannt) ☐ Keine Flecken/Knicke
Inhalt: ☐ Vollständige Tätigkeitsbeschreibung ☐ Leistungsbeurteilung vorhanden ☐ Verhaltensbeurteilung vorhanden ☐ Richtige Reihenfolge ☐ Schlussformel mit Dank und Wünschen
Bewertung: ☐ Mindestens „gut" als Gesamtnote ☐ Keine negativen Codes ☐ Keine verdächtigen Auslassungen ☐ Keine Passivformulierungen
Typische Mängel
Häufig bemängelt:
- Fehlende Schlussformel
- Zu kurze Tätigkeitsbeschreibung
- „Zu unserer Zufriedenheit" statt besser
- Fehlende Verhaltensbeurteilung
Korrektur verlangen
Vorgehen
Schritt 1: Zeugnis prüfen Schritt 2: Mängel identifizieren Schritt 3: Schriftlich um Korrektur bitten Schritt 4: Begründung liefern Schritt 5: Frist setzen Schritt 6: Bei Ablehnung: Rechtsberatung
Musterschreiben
Betreff: Korrektur des Arbeitszeugnisses vom [Datum]
Sehr geehrte Damen und Herren,
vielen Dank für das übersandte Arbeitszeugnis. Nach Durchsicht
bitte ich um folgende Korrekturen:
1. [Konkrete Änderung]
2. [Konkrete Änderung]
Ich bitte um Zusendung eines korrigierten Zeugnisses bis zum [Datum].
Mit freundlichen Grüßen
Häufige Fragen zum Arbeitszeugnis
Fazit
Ein gutes Arbeitszeugnis ist wichtig für Ihre Karriere. Prüfen Sie es sorgfältig auf versteckte Codes und Auslassungen. Die Mindestnote sollte „gut" sein – „befriedigend" gilt heute als unterdurchschnittlich. Bei Mängeln: Korrektur verlangen. Im Zweifel professionelle Hilfe holen.
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